Architekturpreis Farbe - Struktur - Oberfläche
Carlos Martinez architekten, Widnau, mit Künstlerin Pipilotti Rist
Projekt: Stadtlounge im Bleicheli-Quartier in St. Gallen


Ein feuerroter, ungewöhnlich weicher Bodenbelag aus Gummigranulat zieht selbstbewußt die Aufmerksamkeit auf sich und verkörpert damit als identitätsstiftendes Merkmal das Hauptanliegen des Entwurfskonzepts, den introvertierten und zerklüfteten Charakter des Raiffaisenquartiers aufzubrechen und alle Plätze und Resträume darin zu einem homogenen Ganzen zusammenzufassen.

Die Idee einer öffentlich betretbaren „Lounge“ bildet dabei das eigentliche Leitthema, um einen einheitlichen Charakter, aber auch die dem innenstadtnahen Ort gebührende Aufenthaltsqualität innerhalb des Quartiers zu schaffen. Alle Möblierungselemente wie Sitzgelegenheiten und Bänke entwickeln sich als freie, amorphe Formen aus dem Bodenbelag, der sich wie ein einladender, wohnlicher Teppich über alles legt. Als herausragende Maßnahme bildet er in Zusammenhang mit der quartiereigenen Straßenbeleuchtung die Grundlage für eine einladende Atmosphäre des Wohlfühlens. Weiche, schwellenlose Übergänge anstatt scharfer Bordsteine zwischen Aufenthalts- und Fahrbereichen verwischen dabei die Grenzen zwischen den Funktionen, was mit den gewohnten Sehbildern von öffentlichem Raum bewußt bricht und dem Quartier eine neue Identität gibt.

Die reduzierte Bepflanzung mit vier großen Ginko-Bäumen wurde aus philosophischen Überlegungen und wegen der klaren Farbe der Blätter dieses Baumes gewählt. Im Sommer sind sie einheitlich und wunderschön Grün, im Herbst werden sie beinahe schlagartig Gelb und fallen beinahe gleichzeitig ab.

Übergroße, amorph geformte Leuchtkörper erzeugen sowohl das notwendige, wie auch das szenische Licht innerhalb des Quartiers. Die innerhalb des Viertels kontinuierlich wiederkehrenden Leuchten bilden eine Art Gegenebene zum einheitlichen Bodenbelag. Weithin über die Blick- und Straßenachsen des Quartiers taucht die Stadtlounge so in ein verzaubertes, ungewohntes Licht. Dabei sind verschiedene Lichtszenen einstellbar. Die Bubbles strahlen im Farbspektrum des Himmels. Grüntöne zum Beispiel kommen in der Farbpalette nicht vor. Die optische Unschärfe der Grenzen zwischen Aufenthalts- und Fahrbereichen und die Wertigkeit des Bodenbelages wirken dabei zugleich als psychologische Bremse für die Autofahrer, da die Aufmerksamkeit gegenüber den Fußgängern und das Bewußtsein für die eigene Geschwindigkeit verstärkt werden.

Die Verlangsamung der Bewegungsströme durch die Sensibilisierung der Autofahrer ist dabei wiederum wesentliche Grundlage, die Aufenthaltsqualität im Außenraum des Quartiers zu steigern. Das Raiffeisen-Quartier öffnet sich nunmehr nach Außen, indem es die Stadtöffentlichkeit nach Innen in ein städtisches Wohnzimmer einlädt, worin der Mensch und nicht länger der Verkehr im Vordergrund steht.

Subversion als gedankliches Konstruktionsprinzip

Das Entwurfskonzept sieht keine Trennung zwischen künstlerischer Intervention und Stadtraumgestaltung vor. So verkörpert die Idee der Lounge die übergeordnete künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Stadtraum und Öffentlichkeit, aber auch mit den spezifischen Merkmalen des Ortes. Nicht zuletzt durch das dosierte Stilmittel der Ironie will sich das Konzept dabei stellenweise selbst in Frage stellen. Mit dem Porsche, der einen Parkplatz „unbrauchbar“ macht, indem er ihn dauerhaft besetzt, wird der Raum hier plakativ umgedeutet, da die Karosserie auch zum Verweilen, Sitzen und Liegen einladen soll. Das ehemals bewegliche Objekt wurde zum unbeweglichen Möbel, indem das sonst im Stadtraum dominante Auto an diesem Ort wie „unter den Teppich gekehrt wird “.